Evolution des Gehirns

Verfall der Instinkte

Die meisten Handlungen von Tieren werden durch Instinkte gesteuert. Es sind angeborene, feste Programme im Gehirn. Sie arbeiten schnell und zuverlässig, verbrauchen wenig Platz und Energie. Ein bestimmter Reiz ruft eine feste Reaktion aus, es gibt kein Nachdenken, kein Abwägen, alles ist fest programmiert. Dschungeltiere haben Instinkte, die genau an dieses Leben angepasst sind. Der Anblick oder gar das Betreten von weiten, offenen Flächen ruft Warninstinkte hervor, die Angstgefühle aufrufen. Solch einen Instinkt haben Waldaffen. Ihre Verteidigung ist die Flucht auf einen hohen Baum, ganz hoch hinauf, wo die Äste und Zweige so dünn sind, dass Raubtiere ihnen nicht folgen können. Wenn jedoch kein Fluchtbaum in der Nähe ist, dann aktiviert ihr Instinkt solange Angstgefühle, bis sie wieder in die Nähe eines hohen Baumes kommen.

Auch die Dschungelaffen, die im überbevölkerten Dschungel keine Nahrung mehr finden konnten, die am Waldrand Ausschau hielten, waren den Warnungen und Verboten ihrer Instinkte ausgesetzt. Doch einige überwanden diese innere Barriere, sie flohen über die offene Savanne, bis sie ein alleinstehendes Wäldchen erreichten. Vielleicht waren es besonders Mutige oder solche, bei denen die Instinkte nicht so stark ausgeprägt waren. Sie bildeten neue Gruppen, bei denen typische Dschungelinstinkte mehr und mehr zurückgingen. Wahrscheinlich bildete sich die gesamte Instinktsteuerung in allen Bereichen zurück. So kann man sich unsere ersten Vorfahren vorstellen: Eindeutig noch Tiere, Vierfüßler, mit schwacher Instinktsteuerung, mutig und neugierig.

Lernen durch Zufalls-Entdeckungen und durch Nachahmung

Doch wie sollte es nun weitergehen? Ihr Fluchtinstinkt "auf den nächsten Baum" war ja im Dschungel gut und richtig. Nahe am Schlafwald konnte er auch noch nützlich sein, doch weiter entfernt war er nicht nur unnütz, sondern hinderlich, er hielt von besseren Lösungen ab.

Viele Millionen Jahre früher hatten sich schon einmal Waldaffen aufgemacht, in der Savanne zu leben: die heutigen Pavianle. Ihre Evolution verlief anders als die unserer Vorfahren. Körperlich entwickelten sie mächtige Waffen: ein Raubtiergebiss wie ein Wolf und kräftige Krallen. In ihrem Gehirn bildeten sich neue Instinkt, die mehr und mehr für das Leben in der offenen Savanne optimiert wurden. Dies alles dauerte lange Zeit.

Die Evolution unserer Vorfahren aber verlief anders. Schließlich gehörten sie zu den intelligentesten Tieren ihrer Zeit. Sie waren kopf-orientiert, und durch den Wegfall vieler Instinkte gab es in ihrem Gehirn freie Kapazitäten. Zunächst standen ihnen zwei geistige Techniken zur Verfügung, die es auch bei anderen hochentwickelten Säugetieren gab: Das Lernen durch Nachahmung und Lernen durch Versuche, entweder mit oder ohne Erfolg. Vermutlich haben sie diese Fähigkeiten weiterentwickelt und optimiert, denn wir Menschen benutzen heute noch diese geistigen Techniken.

Parallel zu der geistigen Evolution hat sich körperlichder aufrechte Gang durchgesetzt. Ob sie schon in dieser Entwicklungsphase systematisch mit Steinen geworfen haben ist unbekannt.

Das Gehirn wird wichtiger als Kampfkraft

Alle Funde, die wir von unseren Vorfahren gemacht haben, zeigen die gleiche Tendenz: Rückgang der Körperwaffen und Zunahme des Gehirns. Die Gebisse wurden immer kleiner, und die Eckzähne bildeten sich zu fast normalen Zähnen zurück. Aus Krallen wurden Fingernägel. Das Gehirnvolumen aber nahm rasant zu. Es wuchs schneller als bei jedem anderen Lebewesen. So schnell, dass die Wissenschaft lange Zeit keine Erklärung dafür hatte. Dabei war dies das Wichtigste, ohne unser Hochleistungsgehirn wären wir nichts weiter als eine interessante Art von Steppenaffen geblieben.

Es begann mit einer scheinbaren Nebensächlichkeit, einer anderen Hierarchie-Ordnung. In der alten Ordnung bei Tierrudeln ist die Kampfkraft bestimmend. Es gibt einen Anführer, der alle Weibchen befruchtet. Andere Männchen haben nur eine Chance, wenn sie den Anführer im Kampf besiegen. Damit sind sie neue Anführer und ab dann werden nur noch ihre Gene weitergegeben. Kampfkraft ist das Ausleseprinzip und beherrscht den Genpool eines Rudels. Bei manchen Arten werden jugendliche Männchen mit Beginn der Geschlechtsreife vertrieben (Löwen), bei anderen (Pavianen) verbleiben sie im Rudel, zunächst als rangniedrigste Mitglieder. Sie sind stark benachteiligt und sterben oft an Unterernährung. Ihre einzige Chance ist der Kampf mit Höherrangigen, bei jedem Sieg erhöht sich ihre Position in der Rangordnung. Die Kräftigsten haben sogar die Chance, sich fortzupflanzen. Entweder hinter dem Rücken des Anführers, oder sie haben das Recht auf einen eigenen kleinen Harem. Sie sind meist sehr strenge Haremsführer. Sie betrachten die Weibchen als ihre Untertanen und jedes Männchen als einen potentiellen Gegner. Sie halten ihren Harem dicht zusammen und passen auf, dass kein Weibchen von einem anderem begattet wird. Die genauen Regeln sind bei allen Beteiligten in der Instinktsteuerung festgelegt und von Art zu Art verschieden.

Diese Rudelordnung hat sich bei vielen Tierarten bewährt, sonst gäbe es sie nicht. Die Tiere werden immer kampffähiger, ihre Körperbewaffnung wird stärker. Dies ist sowohl für Raubtiere als auch für Verteidigungstiere überlebenswichtig. Im Kampf um das tägliche Dasein können nur die Stärksten überleben. Die Weibchen ordnen sich dem Prinzip unter und akzeptieren passiv die Männerhierarchie.

Doch bei den Vor- und Frühmenschen änderte sich dies. Das Ansehen bestimmte die Hierarchie. Der erfolgreiche Jäger, der gute Fährtenleser, die Kräuterfrau, die Heilerin und Hebamme, sie wurden immer wichtiger und stiegen in der Hierarchie auf. Mit ihnen wollte jeder ein gutes Verhältnis haben, ihnen gewährten sie auch einen guten Essplatz bei der Beute.

Geist geht vor Körper. Dieses Prinzip hat die gesamte Evolution der Menschheit durchsetzt. Wir sind die einzigen Lebewesen dieser Erde mit dieser Ausrichtung. Ihr haben wir es zu verdanken, dass wir in weniger als zehn Millionen Jahren die absolute Spitzenposition eingenommen haben. Wir haben mit Forstwirtschaft und Ackerbau die Oberfläche der Erde verändert - nicht immer zum Guten, aber wir haben es getan, wir können es. Die Zwiespältigkeit zeigt sich auch im Umgang mit unseren früheren Erzfeinden, den Großraubtieren wie Löwen, Tiger und Bären. Einige Menschen erschießen so viele wie möglich, andere schützen sie in überwachten Reservaten. Wer hätte das zu Beginn der Menschwerdung gedacht, dass das Schicksal dieser Tiere von uns abhängt und nicht umgekehrt. Einen bedeutenden Anteil an dieser Entwicklung hatten die Frauen (das Wort "Weibchen" wird mehr und mehr unpassend). Für sie war die Anerkennung des Prinzips "Ansehen bestimmt die Hierarche" existenzwichtig. Nur ein ranghoher Partner konnte für sie und ihre Kinder ausreichend sorgen. Dagegen waren die Frauen mit rangniedrigen Partnern von Hunger und Raubtieren ständig bedroht. Weder Frauen noch Männer mussten Einsicht in diese Zusammenhänge haben. Ihr Verhalten wurde durch ihr Erbgut beeinflusst. Ein schlechtes Erbgut verringerte ihre Überlebenschancen und damit auch ihre Vermehrungsrate. Im Genpool eines Stammes vermehrten sich die guten Eigenschaften, die schlechten starben aus.

Dieser Prozess der Umorientierung verlief natürlich nicht von einem Tag auf den anderen, nicht einmal von einer Generation zur nächsten. Wir stellen ihn uns heute als Wettkampf der Systeme vor. Auf der einen Seite die traditionellen Gruppen, auf der anderen Seite die ansehens-orientieren Gruppen. Bei den alten Gruppen hatten die Kampfkräftigsten die besten Vermehrungschancen. Bei den neuen Gruppen verschob sich das Verhältnis. Die Geschickten, die Wissenden, die Könner wurden bevorzugt. Ihr Erbgut setzte sich durch. Heute wissen wir, wie dieser Konkurrenz-Wettbewerb ausgegangen ist: Die geistigen Fähigkeiten haben sich durchgesetzt, die Muskelmänner haben verloren. Die Ausrichtung unserer Evolution auf das Gehirn ist der Motor der Menschwerdung.

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